Der systemische Blick auf Probleme und Lösungen
Im systemischen Denken betrachten wir Probleme nicht als isolierte Störungen, die es möglichst schnell zu beheben gilt. Interessanter ist zunächst die Frage, wie ein Problem entsteht, wodurch es aufrechterhalten wird und welche Funktion es möglicherweise innerhalb eines sozialen Systems erfüllt.
Ein systemisches Problem lässt sich aus dieser Perspektive nicht allein einer einzelnen Person oder Ursache zuschreiben. Es entsteht und stabilisiert sich im Zusammenspiel von Kommunikation, Beziehungen, Entscheidungen, Erwartungen und bisherigen Lösungsversuchen.
Das verändert den Blick: Statt vorschnell nach Ursachen oder Schuldigen zu suchen, richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf Wechselwirkungen und Muster.
- Wer oder was trägt dazu bei, dass das Problem bestehen bleibt?
- Welche Funktion erfüllt das Problem möglicherweise?
- Was wäre der Gewinn – und was der Preis, wenn es plötzlich verschwände?
- Wer profitiert möglicherweise vom derzeitigen Zustand?
- Welche bisherigen Lösungsversuche tragen dazu bei, das Problem aufrechtzuerhalten?
Diese Fragen machen einen wesentlichen Unterschied deutlich: Probleme sind aus systemischer Sicht nicht einfach nur „schlecht“. Sie können beispielsweise Stabilität, Zugehörigkeit oder Orientierung ermöglichen – auch wenn der Preis dafür hoch sein kann.
Was macht ein Problem zu einem systemischen Problem?
Von einem systemischen Problem zu sprechen bedeutet nicht, dass das Problem besonders kompliziert oder besonders groß sein muss.
„Systemisch“ beschreibt vielmehr die Art, wie wir auf das Problem schauen.
Wir betrachten nicht nur einzelne Personen oder Ereignisse, sondern fragen nach den Beziehungen und Wechselwirkungen, in denen ein bestimmtes Verhalten sinnvoll oder zumindest nachvollziehbar wird.
Ein Konflikt in einem Führungsteam wäre dann beispielsweise nicht ausschließlich das Problem zweier Personen. Interessant wäre ebenso, welche unterschiedlichen Erwartungen, Rollen, Entscheidungswege oder organisationalen Spannungen darin sichtbar werden.
Damit verschiebt sich die Frage von: „Wer verursacht das Problem?“
zu: „Wie erzeugen und stabilisieren wir gemeinsam ein Muster, das wir gleichzeitig als problematisch erleben?“
Diese Perspektive entlastet nicht von Verantwortung. Sie erweitert vielmehr den Beobachtungsraum, in dem Verantwortung übernommen werden kann.
Lösungen neu denken: vom Symptom zur Entwicklungsmöglichkeit
Der systemische Blick bedeutet auch, mit schnellen Lösungsideen vorsichtig umzugehen.
Denn jede Lösung verändert das System. Sie kann etwas verbessern und gleichzeitig neue Spannungen, Unsicherheiten oder unerwartete Nebenwirkungen erzeugen.
Deshalb geht es weniger darum, die eine richtige Lösung zu finden. Interessanter ist, gemeinsam tragfähige Entwicklungsrichtungen zu erkunden:
- Welche Bewegung im System wollen wir fördern?
- Welche Nebenwirkungen könnten dabei entstehen?
- Welchen Preis sind wir bereit zu akzeptieren?
- Was sollten wir zunächst besser verstehen?
- Woran würden wir erkennen, dass sich tatsächlich etwas verändert?
Eine Lösung ist damit nicht das Ende eines Problems. Sie verändert vielmehr die Bedingungen, unter denen anschließend neue Probleme und Möglichkeiten entstehen können.
Matthiesen, Muster und Laudenbach sprechen in diesem Zusammenhang treffend von „Lösungsproblemen“: Lösungen beseitigen nicht einfach Komplexität. Sie erzeugen neue Verhältnisse, mit denen eine Organisation anschließend umgehen muss.
Welche Rolle spielen bisherige Lösungsversuche?
Gerade deshalb lohnt sich bei hartnäckigen Problemen noch eine weitere Frage:
Was haben wir bislang versucht, um das Problem zu lösen – und welchen Anteil könnte genau das an seiner Stabilisierung haben?
Organisationen reagieren auf Probleme. Sie führen neue Regeln ein, verändern Prozesse, schaffen zusätzliche Abstimmungen oder verteilen Verantwortlichkeiten neu.
Diese Entscheidungen können hilfreich sein. Sie können aber ebenso neue Schwierigkeiten erzeugen oder das ursprüngliche Muster unbeabsichtigt stabilisieren.
Systemisches Denken richtet den Blick deshalb nicht nur auf das Problem selbst, sondern auch auf seine Lösungsgeschichte.
Manchmal liegt ein wichtiger Entwicklungsschritt nicht darin, noch eine weitere Lösung hinzuzufügen, sondern zunächst genauer zu beobachten, was die bisherigen Lösungen im System bewirkt haben.
Haltung: Demut gegenüber Komplexität
Ein systemischer Blick auf Probleme und Lösungen braucht deshalb eine bestimmte Haltung: Neugier statt vorschneller Eindeutigkeit. Fragen statt schneller Antworten.
Und die Bereitschaft anzuerkennen, dass Organisationen und soziale Systeme nicht vollständig steuerbar sind.
Das bedeutet nicht, auf Entscheidungen oder Gestaltung zu verzichten. Im Gegenteil. Es bedeutet, Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig aufmerksam dafür zu bleiben, was diese Entscheidungen im System auslösen.
Entwicklung wird damit weniger zu etwas, das sich exakt planen und herstellen lässt. Sie kann angestoßen, beobachtet und immer wieder neu ausgerichtet werden.
Probleme anders beobachten
Der systemische Blick löst Probleme nicht automatisch. Er verändert zunächst, wie wir sie beobachten.
Statt einzelne Schuldige zu suchen, werden Wechselwirkungen sichtbar. Statt vorschnell die nächste Lösung einzuführen, geraten bisherige Lösungsversuche in den Blick. Und statt davon auszugehen, dass eine Entscheidung ein Problem endgültig beseitigt, wird auch nach möglichen Folgeproblemen gefragt.
Genau darin liegt für uns die Stärke dieser Perspektive: Nicht vorschnell besser zu wissen, was die Lösung ist – sondern zunächst besser zu verstehen, welches Problem wir eigentlich miteinander erzeugen und lösen wollen.
Wer diesen Blick auf Führung, Zusammenarbeit und organisationale Fragestellungen übertragen möchte, findet dazu weitere Perspektiven in unserer Organisationsentwicklung und systemischen Führungskräfteentwicklung.
Literatur
Matthiesen, K. / Muster, J. / Laudenbach, P. (2022): Die Humanisierung der Organisation. München: Vahlen.
