Gesundheitswahn und Glücksstreben – was ist los?

GESUNDHEITSWAHN UND GLÜCKSSTREBEN – WAS IST LOS?

DAS STREBEN NACH GLÜCK

…eine dem Menschen so ureigene Eigenschaft, dass sie, neben Leben und Freiheit, als eins der unveräußerlichen Rechte, die Gott jedem Menschen gegeben hat, in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von1776 festgehalten ist. Ein sowohl göttliches wie auch politisches Recht, das den Menschen zu einem freien Menschen macht. Was voller Idealismus zur Gründung einer Demokratie und einer grundlegenden Veränderung des modernen Menschen führte, scheint heute seiner tiefen Bedeutung beraubt – das Streben nach Glück hat sich verändert. Glücklich sein in einer Zeit, in der es kaum noch Privatsphäre gibt, wird immer schwerer.

Ein allgemeiner Exhibitionismus hat um sich gegriffen, jede/r ist durch soziale Medien immer auf dem Präsentierteller und geradezu verpflichtet, allen zu beweisen, wie toll das eigene Leben, wie glücklich schön und gesund man doch ist. Das Streben nach Glück pervertiert zu einem Streben nach Gefallen, man ist dann glücklich, wenn man die Zustimmung, die likes der breiten Masse erhält, mit ihr steht und fällt die Berechtigung des geführten Lebensstils. Zu einem Lebensstil, für den einen die Menschen bewundern, gehört natürlich auch, dass man ein Vorbild ist, nur so erfährt man die so dringend benötigte Verehrung. Besonders gesund, fit und schön zu sein, das bringt Bewunderung, das bringt Nähe zu einem Idealbild, das einem in Spots und von Plakaten immerzu zulächelt und uns suggeriert – „sei wie ich…!“

Immer zahlreicher werden die Werbespots für Fitness-Apps, besonders gesunde, kalorienarme Nahrung, alle beworben von glücklichen, strahlend schönen Menschen. Das Streben nach Glück scheint vor allem auch daran gebunden zu sein, was einem die Werbeindustrie als solches verkaufen will. Das Blöde daran ist nur, dass man an das Werbe-Ideal des immer glücklichen, gesunden Menschen so schwer herankommt, weil immer das Richtige zu essen und bei jeder Gelegenheit Treppen zu steigen, auf Dauer ziemlich anstrengend ist. Neben Job und/oder Familie. Und was passiert dann? Man wird unglücklich. Weil man undiszipliniert ist, nicht alle zwei Tage joggen oder zum Yoga geht und es meist auch nicht schafft, sich besonders gesund, mit ausschließlich magerem Fleisch, Nüssen und Gemüse zu ernähren.

So steigt der Druck und das, was einen gesund und glücklich zu machen versprach, gleicht immer mehr einer Selbstgeißelung. Und hier löst sich das Streben nach Glück auf in einen Wahn, den Gesundheitswahn, der nichts mehr von dem idealistischen und göttlichen Recht von damals in sich trägt, sondern der die Menschen unterdrückt und, wie einst die britischen Kolonien, die Menschen unfrei macht. Gesundheit und Glück – natürlich sind sie untrennbar miteinander verbunden. Im antiken Griechenland war ein Gleichgewicht von körperlicher und geistiger Gesundheit unabdingbar, die Psyche so wichtig wie das Soma und ein glückliches und gesundes Dasein ohne diese Balance nicht möglich. Was in der heutigen Medizin wieder wichtiger wird, eben dieses Gleichgewicht, ist jedoch im momentan überall zu beobachtenden Gesundheitswahn kaum zu entdecken.

Es ist ein Umschlagen in Extreme. Dies geschieht dann, wenn die Gründe für das Streben nach Glück und Gesundheit nicht die eigenen sind, sondern die, die andere für einen als richtig bestimmt haben. Immer öfter heißt es dann, „das muss ich!“, anstatt, „das brauche ich!“ Das Streben nach Glück sollte aber aus einem selbst kommen, der eigene Bauch kennt meist das Rechte maß, aber wenn er nur noch besonders flach nach außen scheinen soll und ungeschälte Körner gefüttert bekommt, dann hört man ihn vielleicht nicht mehr, was er einem zu sagen versucht. Vielleicht müssen wir mal wieder inne halten, uns auf das besinnen, was wir wirklich wollen und unserem Bauchgefühl vertrauen. Denn der Bauch weiß immer noch am besten, egal ob in körperlicher oder seelischer Hinsicht, was uns gesund und glücklich macht.