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Im Wald der Möglichkeiten – Berufsvielfalt heute

Glücklich, wer seinen Beruf erkannt hat. Er verlange nach keinem anderen Glück!“ – Thomas Carlyle

Die Arbeitswelt ist heute eine komplett andere als in der Vergangenheit. Im Mittelalter wurde die Berufswahl beispielsweise durch den Zunftzwang eingeschränkt, das heißt, es durften an einem Ort nur eine bestimmte Anzahl von Meistern einer Berufsgruppe tätig sein. Dies ließ dem Nachwuchs wenig Spielraum zur beruflichen Umorientierung. War der Vater Bäckermeister und besaß eine eigene Bäckerei, so sollte diese in der Familie weitervererbt werden. Auf diese Weise entstanden im Übrigen auch Nachnamen wie Bäcker, Fischer oder Schmidt (von Schmied). Aber wenn der Sohn eines Bäckers nun lieber Schmied geworden wäre? Problematisch…
Oder hatten es die Menschen in dieser Hinsicht früher nicht doch einfacher? Die berufliche Vererbung stellte wenigstens eine Sicherheit dar. Ein klares Ziel. „Papa ist Bäcker, deswegen lernst du das auch und übernimmst später mal die Bäckerei.“ Diese Praxis ist heute in gewissen Berufszweigen durchaus auch noch üblich, zum Beispiel im Anwalts- oder Arztwesen. Zum Teil wird der Nachwuchs in konservativen Elternhäusern auch durch familiäre Zwänge bei der Berufswahl eingeengt. Oder wird ihm doch eher für die Zukunft ein sicheres Bett bereitet? „Du musst nur dein Jura-Studium durchziehen, dann leitest du später mal die Kanzlei.“ Gerade in übersättigten Bereichen des Arbeitsmarktes sicher eine aussichtsreiche Perspektive und ein großes Glück für alle, die am Beruf der Eltern genauso viel Freude haben wie diese zuvor.
Wer jedoch nicht einfach in die Fußstapfen seiner Eltern treten will oder kann, der steht vor einer unglaublichen Vielfalt an Berufsfeldern. Laut Statistischem Bundesamt existieren Berufe in 369 so genannten Berufsordnungen. Mit entsprechender Qualifikation und persönlicher Eignung kann ein jeder von ihnen ergriffen werden, laut Grundgesetz dürfen Kriterien wie Geschlecht, Hautfarbe oder Religion dabei keinen Ausschlag geben. Doch viele junge Menschen mögen sich die Frage stellen „und was nun?“, sobald sie mit ihrem Abschlusszeugnis das Schulgebäude verlassen. Für irgendetwas muss man sich ja entscheiden! Einige werden die richtige Entscheidung für sich treffen und ein Studium oder eine Ausbildung beginnen, womit sie zu dem Beruf gelangen, in dem sie glücklich werden. Andere hingegen arbeiten laut neuesten Untersuchungen zum Teil jahrelang auf einen Beruf hin – und steigen dann kurz nach Berufsbeginn wieder aus.
Keineswegs paradox, wie Arbeitspsychologin Ute-Christine Klehe im ZEIT-Interview kürzlich klarstellte: „Je mehr jemand in seine Karriere investiert und umso mehr er erreicht hat, desto größer wird der Rechtfertigungszwang, den er sich selbst und anderen gegenüber verspürt, wenn er noch einmal von vorne anfängt. Bei Berufsanfängern ist diese Investition überschaubar.“ Ganz nach dem Motto: Lieber direkt an der nächsten Ausfahrt wenden, noch ist man ja nicht weit gefahren. Es würde generell laut Klehe einfach zu selten das Berufsziel hinterfragt. Denn hierzu sei oftmals ein Blick von außen nötig, die Einschätzung einer weiteren Person: „Viele brauchen einen Anlass von außen, der zum Bruch mit dem bisherigen Job führt, etwa eine Änderung der persönlichen Lebensumstände durch eine neue Beziehung oder eine Krankheit. Im Nachhinein kann ein solches Erlebnis als Auslöser dienen, der einen aus dem Arbeitstrott herausreißt, weil er einen dazu zwingt, sein Leben und damit auch seinen Beruf infrage zu stellen.“
Viele Menschen haben Angst vor dem Schritt, sich beruflich umzuorientieren. Was, wenn das auch nicht das richtige für mich ist? Was, wenn ich in die Arbeitslosigkeit abrutsche? Würde mich im Notfall mein alter Arbeitgeber wieder zurücknehmen? Bin ich dafür nicht schon zu alt? All diese Ängste und Selbstzweifel hemmen einen und sorgen dafür, dass man sich lieber nach und nach mit der eigentlich nicht zufriedenstellenden Situation im gegenwärtigen Beruf arrangiert. Ist doch eigentlich alles nicht so schlimm, immerhin verdiene ich ja nicht schlecht und sind ja nur noch zehn Jahre bis zur Frührente. Wie Honoré de Balzac einst sagte: „Mit dem Beruf geht es wie mit der Ehe, man merkt das Störende darin schließlich nicht mehr so.“
Auch Ute-Christine Klehe sieht bei den meisten Menschen eine Ähnlichkeit zwischen der Beziehung zum Beruf und der zu einem Ehepartner: „Sie sehen sie als Verbindung fürs Leben. Die Trennung von einem Beruf ist damit auch die Trennung von einer Idee von sich selbst, und das bedeutet ein großes Stück Identitätsarbeit.“ Dabei ist jedoch, wie Klehe heraustellt, „die Bindung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (…) heute schwächer als noch vor dreißig Jahren. Einmal Siemens, immer Siemens – das gibt es nicht mehr.“ Man steht mit einer beruflichen Umorientierung also keineswegs als Sonderling da. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder das Eingeständnis, im Leben versagt zu haben, wenn man einen anderen Weg einschlägt. Im Gegenteil: Grundlegende Veränderungen sind ein Zeichen großen Mutes.
Doch bevor man schließlich den Schritt wagt und sich beruflich umorientiert, gibt es immer noch ein paar Grundsatzfragen zu klären: Fange ich (nochmal) ein (anderes) Studium oder eine (andere) Ausbildung an? Oder ist eine Qualifikation auf dem Papier für meinen Wunschberuf weniger entscheidend als das, was ich wirklich kann? Will ich mich selbstständig machen oder doch lieber ein Angestelltenverhältnis eingehen? Soll meine Tätigkeit eher geistig oder körperlich, theoretisch oder praktisch, ausführend oder delegierend sein? Bei all diesen Fragen wird eines klar: Man muss sich zunächst selbst kennenlernen und seine innersten Wünsche und Bedürfnisse erforschen, bevor man konkret nach einem neuen Beruf für sich sucht. Nicht einfach blindlings und überhastet alles umwerfen und irgendetwas Neues anfangen, denn sonst ist man am Ende vielleicht nur wieder genauso unglücklich wie zuvor, dafür aber noch verunsicherter und mutloser. Ergebnisoffen die eigenen Stärken und Vorlieben untersuchen, am besten mit wohlwollender, aber kritischer Unterstützung einer anderen Person, und dann überlegt und mutig handeln, so kann ein beruflicher Wandel gelingen.
Übrigens: Dass es auch zwischen 30 und 50 keineswegs zu spät ist, um noch einmal von vorne anzufangen, sondern neuesten Studien der Hirnforschung zufolge in der Lebensmitte ein beruflicher Umbruch sogar am leichtesten fällt, zeigt zum Beispiel der Ratgeber „Sieg der Silberrücken – Beruflicher Richtungswechsel in der Lebensmitte. Zehn Neustarter verraten ihr Erfolgsgeheimnis“ von Katharina Daniell, Manfred Egeser und Jens Hollmann. Das Buch zeigt die fünf Phasen der Willensbildung: Vom „Scan“ (Bilanzaufnahme der aktuellen Situation) zum „Insight“ (Reise ins Innere), vom „Select“ (persönliche Zielfindung) zum „Create“ (Vorhaben planen) und schließlich zum „Act“ (Umsetzung des geplanten Wandels). Darüber hinaus schildern zehn Personen ihre erfolgreiche berufliche Umorientierung und geben praxiserprobte Tipps für einen Wandel.
Als abschließende Motivationshilfe zur eventuell notwendigen beruflichen Umorientierung sollen noch zwei Zitate dienen. Zum einen vom Schweizer Psychologen und Philosophen Max Lüscher: „Ob man den Beruf nur ausübt, um Geld zu verdienen, oder ob die Arbeit Freude bereitet, weil man sie sinnvoll findet, entscheidet, ob man Sklave oder König ist.“ Und zum anderen eines des Altrockers Udo Lindenberg: „Ich bin von Beruf Udo Lindenberg. Meinen Job gibt es nur einmal auf der Welt.“ Und um an letzteres Zitat anzuschließen: Vielleicht ist Ihr Beruf ja noch garnicht vorhanden, sondern Sie können ihn erst noch selbst erschaffen. Nur Mut!

Andreas Potzel

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