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Probiers mal mit Gemütlichkeit

Stress? Probiers mal mit Gemütlichkeit!

Was ist Ihre erste Assoziation mit dem Wort „Stress“? Vermutlich etwas in Richtung Zeitdruck, Hetzerei, voller Terminkalender. Dabei sind dies bei weitem nicht die einzigen Dinge, die ein Stressempfinden auslösen können. Ständige Lärmbelastung zählt dazu, dauerhafte Konflikte in der Paarbeziehung oder der Verlust eines geliebten Menschen. Aber auch finanzielle Probleme, große Verantwortung, Schlafentzug, Reizüberflutung oder Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Schule zählen zu den psychosozialen Stressfaktoren. Dazu kommen eigene Versagensängste oder ein übertriebener Perfektionismus, Krankheiten, Schmerzen, unterschwellige Konflikte, Prüfungen, Überforderung mit technischen Neuerungen, aber auch chronische Unterforderung und Langeweile.

So lang diese Auflistung erscheint, so unterschiedlich reagiert jeder Mensch doch auf einzelne Faktoren. Prüfungsangst ist für manche Leute ein Fremdwort, wohingegen sich andere schon am Vorabend mit Beruhigungsmitteln zudröhnen müssen. Dafür nehmen diese dafür einen Operationstermin vielleicht recht entspannt, während andere die Nacht zuvor kein Auge zu machen können. Dies beweist, dass nicht die so genannten Stressoren an sich den Stress verursachen, sondern deren subjektive Bewertung durch ein Individuum. Hierbei beschränkt sich die Formulierung bewusst nicht nur auf den Menschen, denn Stress betrifft jedes Lebewesen. Beispielsweise gibt es bei einem Hund das so genannte Stresshecheln, was zum Beispiel in Situationen auftaucht, die für den Hund unangenehm sind und in denen er nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Aber auch hier existieren Unterschiede in der Bewertung der entsprechenden Stressoren. Der US-amerikanische Psychologe Richard Lazarus erkannte die Bedeutung der subjektiven Sicht auf Stressfaktoren und entwickelte das nach ihm benannte Stressmodell. Dieses besagt, dass ein Lebewesen Umweltreize unterschiedlich wahrnimmt und diese unterschiedlich bewertet. Die Bewertung gliedert sich in zwei Phasen:

  1. Primäre Bewertung: Der Stressor wird als irrelevant, positiv oder gefährlich interpretiert. Auf das Thema der positiven Bewertung wird weiter unten noch einmal eingegangen. Wird der Stressor als gefährlich gewertet, gibt es noch die Abstufungen von Herausforderung (Situation kann bewältigt werden), Bedrohung (es droht ein Schaden) oder Verlust (ein Schaden ist schon eingetreten).
  2. Sekundäre Bewertung: Nun gleicht die Person das zuvor subjektiv bewertete Niveau des Stressors mit den eigenen Ressourcen ab, simpel gesagt: Kann ich diese Herausforderung/Bedrohung/Verlust mit dem, was mir zur Verfügung steht, bewältigen? Lautet die Antwort „ja“, ist alles gut. Lautet die Antwort jedoch „nein“, so entsteht letztlich Stress. Auch hier spielt die subjektive Sicht auf die eigenen Ressourcen eine entscheidende Rolle. Personen mit einem generell niedrigeren Selbstbewusstsein können so leichter und häufiger Stress empfinden als andere.

Wie geht man nun mit dem Stress um? Lazarus nennt diese Bewältigungsstrategien „Coping“. Hier unterscheidet er zwischen problem- und emotionsorientierten Strategien. Problemorientiert bedeutet, dass man versucht, durch neue Informationen, ein bestimmtes Handeln oder das Unterlassen einer Handlung das Problem zu lösen oder sich den Umständen anzupassen. Ganz nach dem Motto: „Was kann ich tun, um die Situation zu ändern?“. Emotionsorientierte Strategien hingegen versuchen, die durch den Stress entstehende emotionale Erregung abzubauen, sei es zum Beispiel durch Aggression, Bewegung oder Weinen. Hier lautet das Motto eher: „Was kann ich tun, um mich wieder besser zu fühlen?“.

Als dritte Coping-Strategie führt Lazarus jedoch auch noch die der Neubewertung an. Man versucht hierbei, einen neuen Blick auf die Stresssituation zu gewinnen und diese kognitiv neu zu bewerten: „Ist die Sache wirklich so schlimm, wie ich im ersten Moment gedacht habe? Kann ich das nicht vielleicht doch irgendwie schaffen?“. Hier ist das Ziel, Belastungen als Herausforderung zu sehen und mittels konkreter Problemlösungsansätze neue Ressourcen freizusetzen. Problemorientiert kann also erst gearbeitet werden, wenn man das Problem für sich selbst auch als lösbar ansieht.

Weithin bekannt ist in diesem Zusammenhang das so genannte Gelassenheitsgebet, dessen Ursprung nicht eindeutig geklärt ist. Es lautet „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Dies bringt im Endeffekt pointiert zum Ausdruck, wie sich Stressempfinden am wirkungsvollsten vermeiden lässt. Denn es gibt nicht den Stress, sondern nur den Stress, den man sich selbst macht.

Wie schon erwähnt, können Stressoren durchaus auch als positiv bewertet werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von Eustress (in Abgrenzung zum negativen Disstress). Das bedeutet, es treten Ereignisse auf, die eine Person ebenfalls in Aufregung versetzen, aber im positiven Sinne. Positiver Stress verbessert die Leistungsfähigkeit des Körpers und steigert die Aufmerksamkeit. Hier sind zum Beispiel die Motivation zu bestimmten Leistungen zu nennen oder das Empfinden von Glücksmomenten, zum Beispiel Hochzeit, Familienzuwachs oder Urlaub.

Wobei Urlaub hier nicht gleich Urlaub ist. Ein Phänomen unserer Zeit ist der so genannte Freizeitstress. Der Duden definiert diesen als „Stress, der sich für jemanden aus einem Übermaß o. Ä. von Freizeitaktivitäten entwickelt.“ Dies sieht dann wie folgt aus: „Um 10 treffe ich mich mit Sabine zum Brunch, dann muss ich den Bus um halb 12 erwischen, um rechtzeitig in der Kunstausstellung zu sein. Um 15 Uhr dann im Café mit Thomas treffen, um halb 6 geht Pilates los, dann muss ich noch kurz meine Eltern anrufen und mich schnell fürs Kino fertig machen.“ Wir wollen den Tag möglichst gut ausnutzen, wirtschaftlich planen, um möglichst nichts zu verpassen. Denn Freizeit ist ja ein kostbares Gut in der immer stressiger werdenden Arbeitswelt. Aber ist es nicht paradox, den Stress dann auch noch in seine Freizeit hineinzutragen, die eigentlich der Entspannung dienen sollte?

Man will dabei alles mitnehmen und hat letzten Endes doch nichts wirklich erlebt und genossen, da im Kopf immer schon der Countdown tickt bis für die nächste Station der To-Do-Liste. Ein Erleben, nur um erlebt zu haben. Im Urlaub sieht es oft ähnlich aus: Hier schnell die Stadtführung mitmachen, dann zum Animationsprogramm im Hotel, dann in dieses Museum, dort Essen gehen, hier Fotos schießen… und letzten Endes kehrt man völlig fertig nach Hause zurück und bräuchte eigentlich erst einmal noch eine Woche Urlaub vom Urlaub. Mit dieser Hetzjagd nach der größtmöglichen Erlebnissammlung stehen wir letztlich nur unserer eigenen Entfaltung im Weg und schränken uns selbst ein. Anstelle eines „sowohl als auch“ sollte wieder ein „entweder oder“ treten. Statt des schlechten Gewissens, sich mit der Entscheidung für eine Sache gleichzeitig eine Entscheidung gegen drei andere getroffen zu haben, sollte dem einzelnen Erlebnis wieder mehr Zeit und Raum für mögliche Entwicklungen eingeräumt werden.

Auch wenn es für uns Menschen leider nicht mehr möglich ist, ein solch entspanntes Leben zu führen wie Balu der Bär im „Dschungelbuch“ und Timon und Pumbaa im „König der Löwen“, so mag man sich deren Wahlsprüche doch ein Stück weit zu Herzen nehmen: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ und „Hakuna Matata“ – „es gibt keine Probleme, lass dich nicht stressen!“.