Gutes Tun

GUTES TUN

WARUM MAN KEIN SUPERHELD SEIN MUSS, UM GUTES ZU TUN

Immer wieder begegnen einem im Fernsehen Bilder von Entwicklungshelfern in krisengebeutelten Gebieten der Welt, von Feuerwehrmännern und Rettungskräften im Katastropheneinsatz oder von Sozialarbeitern im Resozialisierungstrakt einer Strafanstalt. Warum stellen diese Menschen das Wohlergehen anderer, ihnen zumeist fremder Personen über das eigene? Um von der Gesellschaft als Helden betrachtet zu werden? Das mag mitunter vielleicht zutreffen, streift aber die wahren Motive nur am Rande. Warum tun Menschen also Gutes? Und können Sie das auch?

Zuvorderst ist ganz klar herauszustellen: „Das Gute“ existiert nicht, sondern ist ein relativer Begriff und abhängig von der Perspektive des Einzelnen oder einer Gesellschaft. Abseits dieser relativen Sichtweise wird Gutes tun gemeinhin zumeist doch mit Hilfeleistungen für andere Lebewesen assoziiert.

Wobei natürlich automatisch auch stets die Motive der helfenden Person in Betracht gezogen werden müsste. Denn wie viel ist es wert, wenn man Gutes tut, um sich dann damit zu brüsten, ganz nach dem Motto „Tu Gutes und sprich darüber“? Ist dies letztlich für die Empfänger der guten Taten nicht egal? Ob der Obdachlose nun dank der fünf Euro in seinem Hut eine warme Mahlzeit bekommt, auch wenn der Spender damit nur seinen Begleiter beeindrucken wollte, dürfte ihm in dieser Situation herzlich egal sein. Und abseits des Alltags? Was ist zum Beispiel von reichen Prominenten zu halten, die zwar einerseits viel Geld für soziale Projekte spenden, sich aber dabei immer filmen lassen und denen man durchaus egoistische Motive im Sinne einer positiven Eigenwerbung unterstellen könnte?

Die Diplom-Psychologin Dr. Doris Wolf ging der Frage nach, welche Motive sich hinter Hilfsbereitschaft verbergen und kam zu dem Ergebnis, dass es hierfür zahlreiche Motivationen geben kann. So gibt es zum Beispiel Menschen, die hohe moralische Maßstäbe haben und Gutes tun, weil sie sich dazu moralisch verpflichtet fühlen. Manche Menschen helfen anderen aber auch in der Hoffnung darauf, in einer Notlage umgekehrt ebenfalls Hilfe zu bekommen. Manche Menschen sind hilfsbereit, weil ihnen bereits Gutes widerfahren ist und sie aus Dankbarkeit etwas zurückgeben wollen. Wiederum andere versetzen sich so stark in andere Menschen hinein, dass sie mit der Not der anderen mitleiden, und deshalb ihr Leid und das der anderen vermindern wollen. Anderen helfen, da sie es als eine gute Möglichkeit sehen, Gefühlen der Einsamkeit zu gehen und neue menschliche Kontakte zu knüpfen. Manche betrachten das Helfen als eine Form der Therapie, um ihrem Leben einen Sinn zu geben oder das Selbstwertgefühl zu stärken. Und dann kann sich hinter der Hilfsbereitschaft auch noch ein Show-Effekt verbergen: Man tut Gutes, weil andere es auch tun und man nicht negativ auffallen möchte.

Gleichgültig, welche Motive sich hinter unserer Hilfsbereitschaft verbergen, sie hat vielfältige positive Auswirkungen auf unser seelisches und körperliches Befinden, wie Dr. Doris Wolf herausstellt. Kurz gesagt: Helfen kann glücklich machen. So zeigte eine US-amerikanische Studie an 1700 Frauen: Wer anderen hilft, wird ruhiger, ausgeglichener und erlebt im Augenblick der Hilfeleistung ein Stimmungshoch durch die Freisetzung körpereigener Glückshormone. Bei einem Drittel der Frauen, die sich regelmäßig um andere Menschen sorgten, verringerten sich in besagter Studie sogar stressbedingte Magen- und Kopfschmerzen, dafür nahm das Selbstwertgefühl spürbar zu.

Warum hilft also nicht einfach jeder jedem? Manchen Menschen fällt es schwer, anderen gegenüber hilfsbereit zu sein. Sie haben aufgrund negativer Erfahrungen Angst, ausgenutzt zu werden und den Kürzeren zu ziehen. Manche befürchten auch, sich selbst zu überlasten, denn Helfen kann mitunter für den Helfer auch bedrückend sein, wenn er mit großem Leid konfrontiert wird, das eventuell nicht zu lindern ist. Generell sollte niemand mehr leisten, als für das eigene Wohlbefinden tragbar ist, sondern immer auch die eigenen Grenzen beachten. Denn auch ein gesunder Egoismus ist völlig normal für jedes Lebewesen. Niemand hat letztlich etwas davon, wenn man sich für andere „kaputthilft“.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch eine Geschichte, über die 2012 in den Nachrichten berichtet wurde. Ein unbekannter Gönner verteilte in Braunschweig Geldpakete in Höhe von je 10.000 Euro. Heimlich brachte er sie in Kirchen oder Suppenküchen. Ähnliches passierte später auch in London. Jeweils 1.000 Pfund, umgerechnet 1.270 Euro, gingen an zufällig ausgewählte Personen, die der Wohltäter im Laufe eines Tages auf der Straße, in Bars oder Geschäften traf. Die Beschenkten sollten lediglich entscheiden, was sie mit dem Geld Gutes tun könnten. Der junge Mann war laut britischen Medien mit rentablen Geschäften zum Multimillionär geworden. Er entschied sich, einen Teil seiner Einnahmen zu verschenken, insgesamt rund 100.000 Pfund.

Manche Beschenkte wollten sich lieber selbst etwas Gutes tun und behielten das Geld. Die meisten Menschen jedoch spendeten den Betrag an Hilfsorganisationen oder unterstützten Freunde und Bekannte. Hierbei genügte offensichtlich mitunter schon sehr wenig Geld, um bedrückende Alltagsprobleme zu lösen. Eine der Beschenkten sagte laut englischer Medien: „Gutes zu tun ist ansteckend. Wenn du einmal angefangen hast, kannst du nicht mehr aufhören.“ Denn wie schon zuvor erwähnt: Gutes zu tun setzt Glückshormone frei.

Dabei muss nicht ein jeder von uns Heldentaten vollbringen wie beispielsweise ein Feuerwehrmann, Rettungstaucher oder Entwicklungshelfer, denn nicht jeder ist dieser Belastung gewachsen. Man kann im Kleinen bereits Gutes tun, jeden Tag. Anderen Menschen aufgeschlossen und freundlich begegnen, sich in sie hineinversetzen, Verständnis und Nachsicht für ihr Verhalten aufbringen, ihnen mit kleinen Handgriffen das Leben erleichtern und mit einem ehrlichen Lächeln ihren Tag aufhellen. Sich einfach von seinem inneren Gefühl leiten lassen und nicht groß nachdenken. Denn wie Goethe in „Iphigenie auf Tauris“ herausstellte: „Um Gutes zu tun, braucht’s keiner Überlegung.“