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Die Arbeitswelt – nur eine Tauschbörse für Zeit und Geld?

Vielleicht erinnert sich manch einer ja noch an den Physikunterricht in der Schule. Wie war das gleich wieder? Arbeit ist Kraft mal Weg? Richtig. Und von dieser zielgerichteten Kraft gibt es eine ganze Welt voll, die Arbeitswelt. Existiert diese Arbeitswelt für sich allein oder ist sie mit unserer Lebenswelt verknüpft? Sind die beiden Welten für manch einen vielleicht sogar deckungsgleich? Ist dann – mathematisch ausgedrückt – nicht Leben gleich Arbeit? Und was für ein Leben ist das, wenn man die ganze Zeit über nur eine Kraft entlang eines Weges aufwenden muss? Was ist dann das Ziel dieses Lebens?

Karl Marx stellte einst die These der „entfremdeten Arbeit“ auf, nach der ein Arbeiter dem Ergebnis seiner Arbeit, dem Arbeitsprodukt, völlig fremd sei. Denn dieses gehöre nicht ihm, sondern einem Anderen. Ebenso befriedige demnach die Arbeitstätigkeit als solche keine Bedürfnisse des Arbeiters, sondern diene nur dazu, um andere Bedürfnisse zu befriedigen. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Man führt eine Tätigkeit aus, die einem eigentlich nicht gefällt, um etwas herzustellen oder zu verarbeiten, das einem nicht gehört und wovon man letzten Endes nichts hat, außer dass Geld auf dem Konto eingeht, wovon man sich Essen oder Unterkunft oder Urlaub kaufen kann.

Rufen wir uns einmal die Statistik aus dem Blogeintrag zum Thema „Flow“ in Erinnerung: 17 % der Arbeitnehmer in Deutschland haben innerlich gekündigt und fühlen sich nicht mehr wohl an ihrem Arbeitsplatz. 67 % tun „Dienst nach Vorschrift“ und lediglich 16 % sind bereit, sich über das normale Maß für ihren Arbeitgeber einzusetzen. Das bedeutet: 84% der Arbeitnehmer gehen ihrer Arbeit nur nach, um damit ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Für sie ist es ein Job. Kein Beruf, und erst recht keine Berufung. Sie tauschen täglich Zeit und Energie gegen Geld ein. Aber es fällt keine weitere Befriedigung als „Nebenprodukt“ dieser Tätigkeit an, die man auf der emotionalen Habensseite verbuchen könnte. Und taucht dann nicht unweigerlich die Frage nach dem „Wofür?“ auf? „Wofür schleppe ich mich jeden Morgen ins Büro und plage mich acht Stunden lang mit Akten und Rechnungsberichten herum? Ist mir doch eigentlich völlig egal, ob Herr X oder Frau Y jeden Monat 100 Euro mehr oder weniger bei ihrer KFZ-Versicherung bezahlen! Ich kenne diese Leute ja nicht einmal…und alles nur für ein mageres Gehalt, mit dem ich mich von Erstem zu Erstem schleppe und meine Rechnungen kaum begleichen kann…“
Wofür dann diese Arbeit? Was kommt hinten dabei heraus, was ist der Sinn? Ist der Zahltag das Ziel dieser Arbeitswelt? Ihr Sinn? Zwölf Mal Sinn im Jahr plus Weihnachtsgeld klingt nicht besonders einladend, betrachtet man den Zeitrahmen von knapp 40 Jahren oder mehr zwischen dem Ende der Ausbildung und dem Renteneintritt. Im falschen Beruf zieht sich bereits ein Jahr wie eine halbe Ewigkeit. Was ist aus den Kindheitsträumen geworden? Als man uns fragte, was wir denn mal werden wollen, wenn wir groß sind? Ohne eine Vorstellung von Qualifikationen, Studienabschlüssen, Auslandssemestern oder Betriebspraktika zu haben, drückten wir einfach unsere innersten Wünsche aus: Feuerwehrmann. Astronaut. Lokführer. Tänzerin. Dinosaurierforscher. Was ist daraus geworden? Hat uns die harte Realität der Arbeitswelt aus unseren Träumen gerissen? Ist zwischen steigenden Spritpreisen, Mieten und Lebenshaltungskosten kein Platz mehr für unsere innersten Wünsche und Bedürfnisse? Wo ist der Sinn, wo das Ziel des Lebens geblieben? Hat die Arbeitswelt sich dann nicht schon längst in unserer Lebenswelt breit gemacht?

Dieser Text ist kein Plädoyer für Kommunismus oder die vorsätzliche Ausbeutung der Sozialsysteme nach dem Motto „Warum denn noch arbeiten, wenn ich mit Hartz IV im Endeffekt genauso viel Geld bekomme?“! Auch nicht für das Leben eines Aussteigers im kolumbianischen Regenwald, denn das ist nun bei weitem nicht jedermanns Sache, ebenso wenig wie das Betreiben eines Selbstversorgerhofs. Aber die Zahlen lügen nun mal nicht, 84 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland können ihrer Arbeit nicht mehr abgewinnen als den Zahltag. Wie im Blogeintrag über den „Weg zum Glück“ bereits erwähnt: Es gibt keinen festen Wechselkurs zwischen Besitz und persönlichem Glück, das Konto kann proppenvoll und die Seele dafür umso leerer sein. Und um all dem noch die Krone aufzusetzen: In Japan wurde Anfang der 80er das Wort „Karōshi“ geprägt, das den Tod durch Überarbeiten bezeichnet. Todesursache ist hierbei meist ein durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall. Gut, das ist jetzt ein sehr extremes Phänomen und in der japanischen Arbeitswelt und Leistungsgesellschaft ist ein noch größerer Druck vorhanden als bei uns (noch eine traurige Statistik dazu: Japan hat die höchste Selbstmordrate von unter 18-Jährigen weltweit). Aber es sollte ein warnendes Beispiel für unser eigenes Arbeitsleben sein. Dauerstress kann krank machen!
Um so wichtiger ist es, die richtige Tätigkeit zu finden, die den eigenen individuellen Bedürfnissen entspricht. Jeder Mensch kann irgendetwas gut und tut irgendetwas gerne. Natürlich ist Arbeit immer noch etwas anderes als Freizeit, und das wird auch immer so bleiben. Aber wenn man einmal in sich hineinhört, findet man dort viele interessante Antworten. Vielleicht vernimmt man sogar die Stimme des Kindes, das vor so vielen Jahren einmal gefragt wurde, was es denn später mal werden wolle.

Bildung wird immer wichtiger

Was jedoch noch herausgestellt werden muss: Man kann keinen weltumspannenden Entwicklungen entfliehen. Globalisierung ist eine Realität, mit der man sich auch im Arbeitsleben auseinandersetzen muss. Die zunehmende Individualisierung von Lebensumständen verändert die gewohnten Arbeitsmuster ebenfalls. Eine zunehmend wissensbasierte und in höchstem Maße digitalisierte Wirtschaft zwingt die Menschen zu lebenslangem Lernen und macht Bildung immer wichtiger. Die Überalterung der westlichen Gesellschaft wird besonders für Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund in Zukunft die Arbeitsbedingungen entscheidend verändern. All dies stellte eine Arbeitsgruppe der Robert-Bosch-Stiftung in ihrer Studie „Die Zukunft der Arbeitswelt – Auf dem Weg ins Jahr 2030“ fest.

Als abschließenden Denkanstoß soll noch kurz auf Heinrich Bölls bekannte Kurzgeschichte „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ verwiesen werden. Mitten im Wirtschaftswunder stellte er diese am Tag der Arbeit 1963 in einer Radiosendung vor. Sie handelt von einem einfachen Fischer an der Westküste Europas, der von einem schick gekleideten Touristen über dessen Beruf ausgefragt wird. Der Tourist malt dem Fischer ein Szenario aus, in dem dieser immer mehr Geld verdienen würde, je öfter er mit seinem Boot aufs Meer hinaus zum Fischen fahren würde. Und wenn der Fischer sich dann erst einmal ein größeres Boot kaufen würde…ach was, irgendwann könnte er eine ganze Flotte aus riesigen Fischkuttern besitzen, eine eigene Räucherei, eine Kette von Fischrestaurants, Export betreiben, und dann… „dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken“, schließt der Tourist seine Ausführungen. Und der Fischer antwortet: „Aber das tu ich ja schon jetzt, ich sitze beruhigt am Hafen und döse…“

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