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Der Flow unter wissenschaftlichen Gesichtpunkten

Die geschilderten Erkenntnisse des Psychologen Mihály Csíkszentmihályi lassen sich noch um weitere Aspekte aus der Gedächtnis-, Sozial- und Motivationspsychologie ergänzen:

Weshalb vergessen Menschen im Flow die Zeit und ihre Sorgen?

Das Mehrspeichermodell der Gedächtnispsychologie unterteilt das Gedächtnis in ein Ultrakurzzeit-, ein Kurzzeit- und ein Langzeitgedächtnis. Alan Baddeley benennt das Kurzzeitgedächtnis bei seinem Ansatz in ein „Arbeitsgedächtnis“ um. Er stellt die Theorie auf, dass das Arbeitsgedächtnis zu einem bestimmten Zeitpunkt nur eine begrenzte Anzahl von Eindrücken gleichzeitig verarbeiten kann. Die Menschen fokussieren durch die selektive Wahrnehmung ihre Aufmerksamkeit immer auf bestimmte Aspekte in ihrer Umwelt oder in ihrem Wissensspeicher.
Halten sich nun bei einer Aktivität wie beschrieben Fähigkeiten und Anforderungen genau die Waage, kann die ausführende Person ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf diese Tätigkeit richten, da sie genau weiß, „was“ und „wie“ sie etwas zu tun hat. Durch die totale Konzentration auf eine Tätigkeit, die mit den eigenen Wünschen und Zielen übereinstimmt, und die einen weder über- noch unterfordert, bleiben dem Arbeitsgedächtnis keine kognitiven Kapazitäten mehr, um sich mit belastenden Gedanken wie Termindruck, Ansehen durch Andere oder etwaige Konsequenzen zu beschäftigen: Es erscheint einem im Moment des Flows so, als gäbe es weder Zeit, noch Raum, noch Probleme.

Wie wichtig ist die Selbstbestimmtheit des Handelns für den Flow?

Oder anders gefragt: Kann sich ein Flow-Erlebnis auch einstellen, wenn man zu einer Tätigkeit gezwungen wird, die man eigentlich garnicht mag, die man aber trotzdem einigermaßen gut bzw. eben den Anforderungen entsprechend beherrscht? Die Antwort hierauf gibt die so genannte Selbstbestimmungstheorie, die eine Aufteilung in innere und äußere Motivation vornimmt und diese in vier Stufen aufteilt:

Innere Motivation: Man nimmt an Aktivitäten aus Interesse und wegen der Sache teil.
Selbstbestimmte äußere Motivation: Die Teilnahme an Aktivitäten erfolgt freiwillig, aber nur aus dem Grund, weil sie sozial anerkannt und geschätzt ist.
Fremdbestimmte äußere Motivation: Man zwingt sich oft selbst, einer Aktivität nachzugehen, und leidet an Schuldgefühlen, wenn man es nicht tut.
Amotivation: Man kann oder will an keiner sozialen Situation mehr teilnehmen.
Laut einer Studie von John Kowahl und Michelle Fortier aus dem Jahr 1999 stellt sich der Flow am ehesten ein, wenn einer Tätigkeit selbstbestimmte äußere Motivation oder idealerweise sogar innere Motivation zu Grunde liegt.
Was dem noch hinzuzufügen wäre: Empirisch nachweisbare Studien haben ergeben, dass die meisten Flow-Erlebnisse während der Arbeit zustande kommen! Ist das nicht ein Widerspruch in sich?! Inmitten eines stickigen, lauten Großraumbüros, Trennwand an Trennwand zu zig anderen Angestellten, einen Stapel Akten und Bilanzen zur Bearbeitung auf dem Schreibtisch, hier soll sich ein Flow einstellen?! Bei manch wenigen vielleicht, bei den meisten vermutlich nicht.
Lediglich 16 % der Arbeitnehmer in Deutschland sind laut einer Umfrage so zufrieden mit ihrer beruflichen Tätigkeit, dass sie sich auch über das normale Maß für ihren Arbeitgeber einsetzen würden, der Rest tut demnach „Dienst nach Vorschrift“ oder hat innerlich bereits die Kündigung verfasst. Geht man in seinem Beruf jedoch völlig auf und ist den Anforderungen gewachsen, kann sich auch Flow einstellen!
„Klar,“ mag sich jetzt mancher denken, „als Rockstar oder Top-Manager wäre ich auch glücklich mit meinem Beruf!“. Aber das ist nicht gesagt. Jeder muss für sich selbst den richtigen Beruf bzw. seine Berufung finden. Dann kann und wird man auch Flow erleben, vielleicht sogar im Großraumbüro!

Welche Tätigkeiten lassen mich auf jeden Fall Flow erleben?
Um es gleich vorweg zu nehmen: es gibt nicht die eine Aktivität, mit der sich Flow erzwingen lässt, dies ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Jedoch lässt sich durchaus belegen, dass Flow häufig bei der Ausführung von Sportarten auftritt, die man gut beherrscht, z.B. Klettern, Skifahren, Segeln oder Funsportarten. Das Tanzen als Flow-Aktivität nimmt hierbei eine Sonderstellung ein, da „Tanzen vermutlich die älteste und bedeutsamste ist, sowohl aufgrund seiner weltweiten Anziehungskraft als auch wegen seiner potenziellen Komplexität“ (Mihály Csíkszentmihályi).
Darüber hinaus kann sich Flow durchaus auch bei weniger körperbetonten und verstärkt kognitiven und kreativen Aktivitäten einstellen, sei es Musizieren, Malen, oder Schachspielen. Grade letzteres nimmt auf Grund seiner Komplexität ebenfalls eine Sonderrolle ein.
Zu erwähnen wäre zudem noch, dass Flow-Erlebnisse auch durch meditative Techniken eintreten können, zum Beispiel beim Achtsamkeitstraining oder Yoga.

Kann man süchtig werden nach Flow-Erlebnissen?
Mihály Csíkszentmihályi bezeichnet Flow als „positive Sucht“, zumindest oberflächlich. Bei Versuchen ergab sich, dass Personen, die auf ihre tägliche Glücksdosis verzichten mussten, mit Entzugserscheinungen wie Müdigkeit, depressive Stimmungen und Nervosität zu kämpfen hatten. Bei gewissen Tätigkeiten (z.B. Extremsportarten oder Computerspielen) kann ein gesundes Maß verloren gehen oder man bringt sich selbst in Lebensgefahr.
Zwar tritt man bei Überanstrengung aus der Balance zwischen Fähigkeiten und Anforderungen und die Leichtigkeit des Flows geht verloren. Trotzdem betont Csíkszentmihályi auch die „gefährlichen Seiten“ des Flows. Er nennt Spielsüchtige als Beispiel und weißt darauf hin, dass Flow auch in der Wirtschaft und sogar im Krieg bewusst missbraucht werden könne. Csíkszentmihályi geht sogar so weit, die Faszination, die der Nationalsozialismus damals auf die Menschen ausgeübt hat, als eine durch ein Flow-Erleben mitbegründete Erscheinung anzusehen, welches den Menschen „durch Macht und Gewaltanwendung zugesichert“ wurde.
Über die letzte These kann man wohl streiten, aber eines ist klar: Der Flow darf uns nicht komplett mit sich reißen und fortschwemmen, sonst ertrinken wir förmlich in ihm! Also lieber regelmäßig Pausen einlegen und immer auch mal wieder etwas anderes machen.

Andreas Potzel

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