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Schon wieder Achtsamkeit!?

Seit Tagen schon nehme ich mir vor, diesen Text zum Thema Achtsamkeit zu schreiben… Aber es kommt mir immer wieder etwas dazwischen. Ich schiebe diese Aufgabe vor mir her und merke, dass ich gar keine Lust habe. Nachdem letztens sogar ein sehr bekannter Billig-Discounter ein Buch zum Thema Achtsamkeit im Sonderangebot hatte, kommt mir der Gedanke, ob überhaupt noch irgendwas Neues zur Achtsamkeit gesagt werden kann. Ein geflügeltes Wort, in aller Munde, jeder will es, keiner tut es. So was wie der gute Vorsatz an Sylvester. Vielleicht ist es einfach zu billig.

Was ist Achtsamkeit überhaupt?

Dieses Atemzüge zählen, den Moment wahrnehmen, einfach nichts tun, nichts denken, weder im gestern noch im morgen sein. Nur sein. Das ist einfach zu pur für diese verkleidete Welt. Für meinen verkleideten Geist. Was macht mein Geist eigentlich die ganze Zeit? Er malt sich dieses oder jenes Szenario aus. Veranstaltet Shoppingtouren und Modeschauen neuer Ideen, Ansichten, Bewertungen. Er reist um die halbe Welt. Dabei würde ich ihn gerne bei mir haben. Als mein treuer Begleiter, der mir hilft, wenn ich mal etwas Wichtiges gedanklich lösen muss. Mein Verstand als ziemlich guter Tüfftler, als harter Arbeiter, der gerne anpackt. Die absolute Hands-on Mentalität. Oder als Kämpfer: routiniert, effektiv, skrupellos. So einer ist Goldwert, wenn er auf der Seite der Guten steht. Alleine, planlos durch die Welt ziehend, geht von solch einem Geist eher eine Terrorgefahr aus…
Ich, das ist mein Sein im Jetzt. Mein Ich, das hat eine Stimme: meine Gefühle. Mein Ich, das intuitiv das Richtige tut. Dass nach Einigkeit, Ganzheit, Heilung strebt. Dass in jeder einzelnen Zelle meines Körpers seine körperliche Entsprechung findet.

Achtsamkeit = „Sich-Selbst-Bewusst-Sein“

Im Alltag folgt mein Bewusstsein oft meinem ruhe- und rastlosen Geist- quer durch die Welt- und Zeitgeschichte. Mein Ich, das wandelt derzeit allein herum, in völliger Dunkelheit, weil nichts bewusst beleuchtet. Wenn ich achtsam bin, trage ich also etwas Licht ins Dunkle.
Demnach müsste es also passend zur Jahreszeit an allen Plakatwänden heißen: „Out now! Der neuste Weihnachtshit! Achtsamkeit! Bringt Licht ins Dunkle! Garantiert! Do it like Buddah!“ Oder so ähnlich…
All meine Erinnerungen, alles, was ich an „Stoff“ dazu hernehme mir meine Identität zu basteln, all das speist sich aus einer Quelle: dem JETZT, dem gegenwärtigen Erleben. Ich kann nur im Jetzt etwas erleben, fühlen, wahrnehmen. Wenn ich meine Lebenszeit damit verschwende, ständig mit dem Kopf woanders zu sein, an was erinnere ich mich dann? Was bin ich dann? Definitiv bin ich dann weniger an mir selbst dran. Die Gefahr, im „falschen Leben“ zu landen und hängen zu bleiben, ist dann groß… Das Leben ist intensiver, bunter und echter im Jetzt. Das Leben ist authentischer.

Achtsamkeit im Alltag

Wenn ich also Laufen gehe und darüber nachdenke, bis wann ich zuhause sein muss, welcher Termin mich dann wieder erwartet… Dann nehme ich gar nicht die kalte Luft wahr an meinem Gesicht, in meinen Nasenflügeln, das Kribbeln an meinen Wangen, die Anspannung in meinen Beinen, die Geräusche des Splits unter meinen Füßen, den Geruch von verbranntem Holz und Winterluft. Irgendwann spüre ich vielleicht doch meinen Körper, wenn er nämlich wehtut, wenn ich mich ermüdet fühle und dann wird mir das Laufen lästig und ich denke noch mehr daran, wann ich endlich zuhause bin und zu meinem nächsten Termin hetzen darf…
In diesem Zusammenhang stehen unsere Volkskrankheiten und psychosomatischen Beschwerden in einem ganz anderen Licht. Würde man Achtsamkeit einfach einnehmen können wie eine ganz gewöhnliche Tablette- es gäbe wohl keinen größeren Bestseller auf dem pharmazeutischen Markt…
Leider oder vielleicht auch zum Glück, ist Achtsamkeit viel einfacher zu erreichen.

Achtsamkeit nach Jon Kabatt-Zinn

Sich in Achtsamkeit üben, Achtsamkeit als Lebenshaltung, als Einstellung, Perspektive sehen.
Nach Jon Kabat-Zinn ist Achtsamkeit:

  • absichtsvoll
  • sich auf den gegenwärtigen Moment beziehend (statt auf die Vergangenheit oder die Zukunft)
  • nicht wertend

Jon Kabatt-Zinn ist der Begründer des Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). Er setzt sich für die Achtsamkeitspraxis in der Medizin und Gesellschaft ein. Fokus seiner Forschung sowie Lehre sind die Zusammenhänge von körperlichen Vorgängen und geistigen Aktivitäten. Weitere Informationen über Jon Kabatt-Zinn finden Sie hier.

Bei der Achtsamkeit kommt es darauf an, fortwährend geistige Vorgänge wie Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke wahrzunehmen, diese jedoch nicht weiter zu vertiefen, sondern immer wieder loszulassen und zur gegenwärtigen Erfahrung zurück zu kehren. Bildlich vorgestellt wie Wolken am Horizont, die kommen und wieder weiterziehen…
Achtsam sein heißt also, sich konstant am gegenwärtigen Erleben zu orientieren und dadurch neugierig und offen zu sein und die Dinge besser annehmen zu können.

Achtsamkeit ist also nicht zu verwechseln mit Entspannung und Achtsamkeit bedeutet auch nicht die eigenen Gefühle zu verändern. Es geht darum, das eigene aktuelle Bewusstsein zur Kenntnis zu nehmen, egal, was der genaue Inhalt ist und in welchem Zustand das Bewusstsein ist (Bishop et al., 2004). Bin ich also gestresst oder in Anspannung, kann ich mich genauso in Achtsamkeit üben wie während einer Entspannungsübung.

Weitere Definitionen der Achtsamkeit finden Sie hier. Eine vertiefende Videoerklärung zur Achsamkeit von Jon Kabatt-Zinn finden Sie hier.

Fokus der Achtsamkeit

Würde ich ein Bild in meinem Raum aufhängen, das den Titel Achtsamkeit trägt, dann wäre es eine unendliche Weite, vielleicht eine Steppe oder Hochebene. Der Fokus des Bewusstseins ist bei der Achtsamkeit weit gestellt, eine umfassende, klare, hellwache Offenheit für die gesamte Fülle der Wahrnehmung. Konzentration engt hingegen den Fokus ein: die Aufmerksamkeit wird auf einen bestimmten begrenzten Bereich gelegt.
Kabat-Zinn hat in seinem Buch „Im Alltag Ruhe finden“ folgende Beschreibung von Achtsamkeit gegeben: „…so intensiv und befriedigend es auch sein mag, sich in der Konzentration zu üben, bleibt das Ergebnis doch unvollständig, wenn sie nicht durch die Übung der Achtsamkeit ergänzt und vertieft wird. Für sich allein ähnelt sie (die Konzentration) einem Sich-Zurückziehen aus der Welt. Ihre charakteristische Energie ist eher verschlossen als offen, eher versunken als zugänglich, eher tranceartig als hellwach. Was diesem Zustand fehlt, ist die Energie der Neugier, des Wissensdrangs, der Offenheit, der Aufgeschlossenheit, des Engagements für das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung. Dies ist die Domäne der Achtsamkeitspraxis…“

Übungen zur Achtsamkeit

Wo anfangen? Im Hier und Jetzt. Wie bei so vielen Dingen im Leben erfordert auch die Achtsamkeit ein regelmäßiges Training – zusätzlich zur Einsicht und dem Verstehen. Erst durch diese Regelmäßigkeit entstehen neue neuronale Verknüpfungen, durch die effektives Lernen sowie eine Veränderung stattfindet. Dabei reicht es nicht aus, dass der Geist einmal kurz das Land „Buch zur Achtsamkeit“ bereist und dann wieder weiterzieht. Nehmen Sie sich voll und ganz mit auf diese Reise, denn nur so kommen Sie heil und vollständig ans Ziel!

In Kürze werden wir Ihnen an dieser Stelle verschieden Achtsamkeitsübungen vorstellen, die Sie dann direkt ausprobieren können. Alternativ empfehlen wir direkt und dauerhaft ins Achtsamkeitstraining einzusteigen, am einfachsten über einen Kurs für Achstamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR).

Zurück zu mir. Ich gönne mir auf jeden Fall mal was in der Vorweihnachtszeit. Dazu muss ich zum Glück nicht in der Küche stehen und backen und muss mich danach auch nicht auf die Waage stellen und mich selbst maßregeln. Ich brauche dazu kein Geld und muss auch keine tausend Gesichter unterbewusst analysieren, die mir im Gewimmel der Straßen und Geschäfte begegnen. Ich gönne mir einfach etwas mehr intensive Lebenszeit, indem ich im Moment bin.
In diesem Sinne, bleiben Sie achtsam!

Wünschen Sie weitere Informationen zum Thema Achtsamkeit, auch wie zum Beispiel die Achtsamkeitspraxis die Unternehmenskultur Ihres Arbeitgebers positiv beeinflussen kann? Wir beraten Sie umfassend und individuell unter 089 – 209 691 89 oder schicken Sie uns Ihre Anfrage einfach per Mail. Einen Überblick über unser offenes Seminar- und Kursangebot finden Sie hier.

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